Die Zeit zu Hause war irgendwann wie Knast ohne Gitter

Einrichtungsleiter Jörg Zschörnig (v.l.) im Gespräch mit Sven Albrecht, in der AWO Werkstatt Eilenburg

 

Seit Anfang März 2020, musste auch die AWO Sachsen-West ihre Werkstätten für Menschen mit Behinderung Corona-bedingt schließen. Das fiel uns nicht leicht: dennoch war es für die Gesundheit Aller, zwingend notwendig. Während der werkstattfreien Zeit wurde allerhand unternommen, um unsere Mitarbeiter*innen mit Einschränkungen weiterhin zu fördern. Es wurden neue Wege des Unterrichts beschritten, alternative Kontaktmöglichkeiten ausprobiert und Aufträge konnten teilweise von zu Hause aus bearbeitet werden.

Seit dem 22.6.2020, sind die Werkstätten nun wieder unter strengen Hygieneauflagen geöffnet und wir freuen uns, ebenso wie unsere Produktionskund*innen und Mitarbeiter*innen, über die ersten Schritte in Richtung Normalität.

Werkstattleiter Jörg Zschörnig, aus der AWO Werkstatt Eilenburg, hat für uns das Gespräch mit Sven Albrecht gesucht. Er ist seit 1986 in der AWO Werkstatt Eilenburg beschäftigt und damit Dienstältester und langjähriger Werkstattrat.

 

J. Zschörnig: Wie ging es Ihnen, als Sie nicht mehr wegen Corona in die Werkstatt gehen konnten?

S. Albrecht: Ich war erschrocken als mir mein Gruppenleiter Jens an dem einen Dienstag sagte: „Ihr müsst ab morgen zu Hause bleiben“. Das war ein Schock, aber die Leitung hat sich sicher die Entscheidung auch nicht leicht gemacht. Es war echt schwer.

J. Zschörnig: Wie ist es Ihnen zu Hause ergangen?

S. Albrecht: Die ersten drei Wochen waren wie Urlaub. Aber dann wurde es schwer und sehr ruhig. Der Pflegedienst und die Schwester kamen wegen Corona nicht mehr. Nur beim Einkaufen oder beim Arzt habe ich jemanden gesehen. Das war schon ein ganz schöner Mist: "Das war irgendwann wie Knast ohne Gitter". Der ganze Tagesablauf kam durcheinander. Sonst kommen jeden Morgen meine Kollegen Markus und Katrin vorbei. Wir trinken gemeinsam einen Kaffee und dann geht es los zur Werkstatt. Das ging jetzt nicht mehr.

J. Zschörnig: Und wie haben Sie die Zeit überstanden?

S. Albrecht: Manchmal war es so langweilig, dass ich sogar jede zweite Woche Fenster geputzt habe (lacht). Besser wurde es als meine Gruppenleiter Jens und Christian angerufen und wir uns jeden Tag gehört haben. Manchmal waren es nur 5 Minuten, aber ich wusste dann was in der Werkstatt los war. Christian hat mir dann jeden Tag die Einbauanleitungen zum Einpacken vorbeigebracht. Dann wurde es noch besser: Um 6 Uhr aufstehen und frühstücken und gegen 7 Uhr ging es dann mit der Arbeit los. Ab 11.30 Uhr gab es Mittag und danach ging es weiter mit der Arbeit. An meinem besten Tag, habe ich 800 Stück geschafft. Ich hatte es Christian versprochen und er hat sich auf mich verlassen.

J. Zschörnig: Na hoffentlich gab es auch mal eine Pause!

S. Albrecht: Meine Pause war es zu Hause zu sein. Es lief meine Wunschmusik oder der Fernseher. Meine Schwester hat sogar für mich Internetfernsehen aktiviert. Da konnte ich nebenbei Helene Fischer Konzerte schauen. Christian hat mir aber auch gesagt, dass ich es mit der vielen Arbeit nicht übertreiben soll. Am Ende war es aber nicht das Gleiche wie in der Werkstatt.

J. Zschörnig: Was haben Sie vermisst?

S. Albrecht: Na die Gespräche mit Christian und Jens und den anderen Kollegen. Wir sind nicht bloß Kollegen, wir sind auch Freunde. Das hat schon sehr gefehlt.

J. Zschörnig: Was sollte die Werkstatt beim nächsten Mal besser machen?

S. Albrecht: Die What’s App Gruppe war am Anfang ein ganz schönes Durcheinander, da waren mir zu viele Privatgespräche. Deshalb bin ich da nicht mehr mit dabei. Die Bilder mit den ganzen Absperrwänden aus der Werkstatt haben mir dafür gefallen, da konnte ich mir vorstellen was ihr alles geleistet habt.
Ich hätte mir gewünscht, dass von Anfang an, jeden Tag jemand angerufen hätte. Aber ich weiß ja, dass das bei so vielen Kolleg*innen schwierig ist.

J. Zschörnig: Vieles hat sich in der Werkstatt verändert. Was ist am ungewohntesten?

S. Albrecht: Um ehrlich zu sein, trage ich die Maske nicht gerne. Es ist irgendwie eine Belastung und ich bin schneller aus der Puste. Aber die Leitung entscheidet das ja nicht um mich zu ärgern: das weiß ich. Gesundheit geht eben vor!

J. Zschörnig: Und wie geht es weiter?

S. Albrecht: Wie früher: Kaffee mit Katrin und Markus und dann ab in die Werkstatt.

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